„Fragen Sie ihren Arzt UND Apotheker“: Leutschach lebt es vor

December 10, 2019

 

Seit über 800 Jahren sind die Berufsbilder „Mediziner“ und „Apotheker“ zwei unterschiedliche. Trotzdem wird in der aktuellen Diskussion um den Landärztemangel das Fehlen einer ärztlichen Hausapotheke als Hauptproblem dargestellt. In Leutschach beweist man, wie das Miteinander im Sinne des Patienten funktionieren kann.

 

 

In der Rebenlandapotheke von Wolfgang Lobnig diskutierten unlängst Kassenarzt Thomas Hirsch, Wahlarzt Markus Binder und Bürgermeister Erich Plasch über die mittlerweile klar ersichtlichen Vorteile von Apotheke und Arzt für die rund 3700 Gemeindebürger. „Ich kenne fast alle meine Kunden persönlich und kann reagieren, wenn mir etwas spanisch vorkommt und beratend zur Seite stehen. Dazu steht mir ein Warenlager von rund 4500 Artikeln zur Verfügung. Mit der Fachberatung durch meine Spezialisten im Hause ist das ein echter Mehrwert für die Kunden,“ betont gleich zu Beginn Apotheker Lobnig.

 


Direkte Kommunikation
Ein entscheidender Vorteil ist auch die laufende Kommunikation zwischen den Ärzten und der Apotheke. So ist es für die Mediziner eine gute Ergänzung, sich die Fachmeinung des Pharmazeuten zu Produkten, Möglichkeiten und Alternativen einzuholen. Thomas Hirsch: „Jeder Arzt hat so sein Repertoire an Medikamenten, mit denen er arbeitet. Wenn man aber mit etwas Anderem konfrontiert wird, was darüber hinausgeht, ist die Fachmeinung des Apothekers extrem wichtig.“ Mit dem im Vergleich eingeschränkten Sortiment in einer ärztlichen Hausapotheke sind Mediziner oft genötigt, den Patienten zu einem Facharzt weiterzuschicken, in Kooperation mit dem Apotheker ist hingegen meist eine rasche Lösung möglich. Ins gleiche Horn stößt auch Wahlarzt Markus Binder: „Ich schätze als behandelnder Arzt die zweite Kompetenz des Pharmakologen und bin sehr, sehr froh, wenn ich darauf zurückgreifen kann!“

Erstanlaufstelle Apotheke
Oft ist für Patienten, die sich nicht krank genug für den Arzt fühlen, eine Apotheke die erste Anlaufstelle. Auch für solche Menschen, die aus persönlichen Gründen die Schulmedizin ablehnen. In der Rebenland Apotheke werden auch Alternativen wie die Spagyrik, ein uraltes, ganzheitliches Naturheilverfahren, die Aromatherapie oder Homöopathie angeboten. Wenn aber ein ernsthaftes Problem vermutet wird, werden die Kunden aber umgehend an den Arzt verwiesen.

 

Streitpunkt Hausapotheke
Für Thomas Hirsch, der als einziger von damals drei Ärzten in Leutschach keine Hausapotheke hatte, war die Situation nicht immer einfach: „Wieso wie in anderen Regionen üblich, mit dem Aufsperren der Apotheke nicht sofort von der Behörde die kleinen Hausapotheken geschlossen wurden, verstehe ich bis heute nicht. Für mich war das damals schon existenzbedrohend.“ Mittlerweile haben die Ärzte Hirsch, Binder und der seit Sommer praktizierende Markus Wippel gemeinsam mit der Apotheke ein umfassendes Maßnahmenpaket umgesetzt. Die Apotheke hat so geöffnet, damit alle Patienten nach dem Arztbesuch auch zu ihrem Medikament kommen. Mit dem Service „Dienst bei geöffneter Tür“ ist das sogar über die üblichen Öffnungszeiten hinweg im Sinne der gesetzlichen „Arzneimittelversorgungspflicht“ möglich. Die Apotheke wird auch alle drei Stunden beliefert und damit ist eine rasche Versorgung sichergestellt.


Fehlende Akzeptanz als Problem
„Im Grunde war es damals ein Wunsch der Bevölkerung eine Apotheke nach Leutschach zu holen, dem sind wir 2009 gerne nachgekommen,“ erklärt der Leutschacher Bürgermeister Erich Plasch. Die Idee eines geplanten Primärversorgungszentrum in Leutschach wurde hingegen wieder verworfen. Wie Plasch erklärt, habe man dazu im alten Rathaus von Eichberg-Trautenburg einfach zu klein geplant. Die jahrelangen Diskussionen über die mittlerweile wegen Pensionsantritt geschlossenen kleinen Hausapotheken kann der Bürgermeister nicht nachvollziehen "Ich glaube, dass das Thema von den Bürgern selbst totgeredet worden ist. Zuerst war die Apotheke das Problem, dann der fehlende Arzt und so wurde das Thema bei uns viel zu lang sehr negativ diskutiert“.

 

Beste Versorgung auch am Land
Mittlerweile sieht auch die Bevölkerung die klaren Vorteile des Miteinanders „Hätte ich eine Hausapotheke, würden meine Patienten nur das bekommen, was ich gerade lagernd habe. So kann ich aber immer auf das volle Sortiment der Apotheke zugreifen!“ erläutert Thomas Hirsch. Wahlarzt Markus Binder ergänzt, dass das System der Hausapotheken ja sowieso als Notlösung für Gebiete gedacht sei, wo das wirtschaftliche Führen einer Apotheke einfach nicht möglich ist. „Und dabei soll es auch bleiben!“ So könne das Führen einer Hausapotheke kein Anreiz sein, Landarzt zu werden, sondern: „Die Krankenkassen müssen wohl über zeitgemäßere Verträge und andere Anreize nachdenken.“ Mittlerweile beschäftigt die Rebenlandapotheke neun Mitarbeiter und gehört damit zu den größten Betrieben im Ort. „Es gibt sicherlich noch Verbesserungsbedarf, aber wir versuchen uns laufend zu verbessern!“ meint Wolfgang Lobnig. Denn: Es gibt tausend Krankheiten, aber nur eine Gesundheit!

 

Foto (derwaltl.at): v.l.n.r. Bürgermeister Erich Plasch, Wahlarzt Markus Binder, Kassenarzt Thomas Hirsch und Apotheker Wolfgang Lobnig

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